Franz Renggli
Angst und Geborgenheit

Die Verhaltensforschung hat die emotional ersten Lernerfahrungen als die wichtigsten im Leben der höheren Tiere (Vögel und Säuger) beschrieben, was ein Tierkind in dieser höchst sensiblen Zeit erlebt, kann später nicht mehr verändert werden - diese frühen Erfahrungen sind irreversibel, was als Prägung bezeichnet wird. Die Tiefenpsychologie hat dasselbe Phänomen mit dem Begriff des Unbewussten zu umreissen versucht. Von der Evolution der Säugetiere können die Urbedürfnisse und Ängste des menschlichen Kleinkindes, sein hauptsächliches Erleben und seine Verhaltensweisen neu verstanden werden. Dabei gibt es drei verschiedene Typen der frühen Eltern-Kind-Beziehung bei den Säugern.

  1. Bei den Nestflüchtern (wie beispielsweise beim Pferd oder beim Büffel) steht das Junge unmittelbar nach der Geburt auf und folgt seiner Mutter und deren Herde nach. Hätte es keine Trennungsängste, wäre es dem Tod geweiht. Und genau diese Trennungsängste entwickeln sich beim menschlichen Kleinkind, wenn es am Ende des ersten Lebensjahres zu krabbeln und dann im zweiten Lebensjahr zu Laufen beginnt: Es ist in diesem Lebensabschnitt sein stärkstes Angsterleben. Umgekehrt benutzt es seine Mutter als eine "Sicherheits-Basis" (secure base), von der aus die Welt erkundet und "erobert" wird.

  2. Bei den Nesthockern (beispielsweise bei den Mäusen und Katzen) kommen die Jungen mit geschlossenen Augen und nackt auf die Welt: Sie werden von der Mutter in ein Nest gelegt. Sie selbst geht für ihre Nachkommenschaft auf Nahrungssuche. Wenn die Jungen die Augen zu öffnen und zu kriechen beginnen, müssen sie Angst bekommen vor einer fremden Umgebung, sonst würden sie sich zu weit vom Nest entfernen und wären so dem Tod geweiht. Entsprechend ist die stärkste Angst beim menschlichen Kleinkind in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres seine Fremdenangst. Damit zeigt es an, dass es sich sicher an seine Mutter gebunden fühlt.

  3. In der Entwicklung der Säugetiere gibt es noch einen dritten Typus der frühen Mutter-Kind-Beziehung. Bei den Primaten und d.h. bei den Affen ist die Mutter selber das "Nest": Das Jungtier klammert sich nach der Geburt mit Händen und Füssen im Fell der Mutter fest und wird von ihr - oder von einer anderen Betreuerperson - ununterbrochen herumgetragen. Weint oder schreit ein Baby - und die Affen befinden sich häufig auf den Bäumen - ist es unmittelbar vom Tod bedroht. Eine Affenmutter reagiert entsprechend sofort auf dieses Notsignal. Das Grundbedürfnis des Menschenkindes in der ersten Lebenszeit besteht somit nach unmittelbarer Nähe, nach Körperkontakt mit seiner Mutter oder mit einem anderen menschlichen Wesen. Sein stärkstes Angsterleben ist die Körperkontakt-Verlustangst.
    Dieses Entwicklungsmodell hat den Vorteil, dass es nicht länger das Erleben rund um die Nahrungsaufnahme- und ausscheidung in den Vordergrund stellt, wie die Psychoanalyse dies getan hat, sondern sich am unmittelbaren Erleben und Verhalten des Kleinkindes orientiert.
    So wie die Affen, die Primaten ihre Kleinkinder ununterbrochen auf dem Körper herumtragen, genau so machen dies auch die ursprünglichen, die traditionellen Kulturen: Babys und Kleinkinder weinen nie und wenn, dann reagieren ihre Eltern, ihre Betreuerpersonen sofort. Ein Weinen und Schreien wird von diesen traditionellen Kulturen noch als ein Notsignal verstanden und entsprechend prompt wird darauf reagiert. Umgekehrt wird bei allen Hochkulturen Mutter und Kleinkind voneinander getrennt: Und je höher die Kultur entwickelt ist, desto radikaler erfolgt die Trennung. Und diese Trennung wird verstanden als emotionale Einpassung in das entfremdete Leben der Städte. Die oberste Schicht, die Aristokratie vollzieht die Trennung zwischen Mutter und Baby komplett: Das Neugeborene wird hier einer Amme übergeben. Es ist dies die gefühlsmässige Anpassung an das Leben der obersten Schicht - zerstreut über die ganze Welt.
In der Tiefe der menschlichen Seele ist somit bei allen Hochkulturen ein weinendes und schreiendes, ein verzweifeltes und tobendes Baby verborgen. In mehr oder weniger hohem Ausmass. Gleichzeitig ist dieser "Schmelzkessel" von heftigen Gefühlen die Quelle und der Ursprung aller Kreativität, jeder menschlichen schöpferischen Schaffenskraft. Es ist gleichzeitig auch die Quelle unserer Neugier: Der emotionale Ursprung all unserer wissenschaftlichen und technischen Errungenschaften.

Anhand von drei verschiedenen Kulturen, von zwei Inseln in der Südsee und einem Dorf hoch oben in den Bergen von Mexiko wird in meinem Buch gezeigt, wie jedes Volk seine Babys und Kleinkinder so behandelt, dass sie sich später als vollwertige Mitglieder in ihrer Gesellschaft erleben können. Gleichzeitig ist dies eine Hilfe und eine Aufforderung an die Eltern, ihren eigenen Weg zu suchen bei der Behandlung und beim Grossziehen ihrer Kinder.



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